Jugendnot - Eine geprägte Nachkriegszeit
Überall in den Städten des Erzbistums – im Rheinland wie auch im Ruhrgebiet – ist die Situation vor allem junger Männer prekär, geradezu hoffnungslos: Aus ihrer Heimat im Osten vertrieben oder aus dem Krieg zurückgekehrt, in den viele jung und ohne Schulabschluss oder Berufsausbildung gezogen sind, kommen sie in zerstörte Städte zurück. Das Zuhause von einst steht nicht mehr zur Verfügung, ein neues ist nicht in Sicht. Viele leben auf der Straße, schlagen sich durch, brauchen Hilfe.
Diese Situation bildete den Ausgangspunkt für die ersten Initiativen katholischer Jugendsozialarbeit im Erzbistum Köln.
Die Wunden der Zeit – Die ersten Heimstätten für Jungen
Die jungen Menschen brauchen Unterkunft, Rückendeckung und die Perspektive auf ein eigenes Leben. Die notwendigen Hilfsmaßnahmen mussten zu Beginn vor allem durch Eigeninitiative und Selbsthilfe organisiert werden. Auf Anregung des Kölner Erzbischofs Joseph Frings wurde bereits am 11. Mai 1945 der Aufbau von Hilfen für eltern- und wohnungslose Jugendliche angestoßen.
Nur wenige Wochen später, am 4. Juni 1945 wurde ein erstes Jungenheim im schwer kriegsbeschädigten Kettelerhaus in der Odenkirchener Straße in Köln eröffnet. Bereits ein Jahr später verfügte dieses über 45 Plätze.
In der Folgezeit entstanden weitere Häuser, vielfach aus Trümmersteinen und mit Unterstützung zahlreicher kleiner Spenden. 1947 und 1951 entstanden in Köln Kalk in alten Kasernengebäuden die Heimstatt St. Gereon – heute Jugendwohnen St. Gereon in Köln Kalk - und die bis heute dortige Heimstatt Nikolaus-Groß-Haus. Auch in Bonn entstand bereits 1948 eine Heimstatt für junge Männer.
„Die Häuser der Heimstatt tragen alle insgesamt bisher deutlich die Wunden der Zeit an sich. Eine ausgebombte Kaserne war es vielleicht, wo wir begonnen haben, oder ein übriggebliebenes Haus in einem Trümmerfeld oder gar ein Bunker wie in Düsseldorf, der nun friedlichem Werk dienen sollte. Es fehlte alles, was man zum Leben braucht, vom Fensterrahmen bis zum Geschirr. Da war nur der Wille zu helfen, der eben aus nichts einen heimatlichen Raum schaffen musste.“
„Wir bauen weiter auch im Vertrauen auf die Jugend, die diese Häuser bewohnt und die sie baut. Unsere Jugend darf nicht heimatlos in Unordnung untergehen. Sie muss Heimat haben, dann wird sie auch wieder Heimat geben denen, die nach ihr kommen.“
Pfr. Friedrich Eink, Diözesanjugendseelsorger (1944-1952) und Leiter der Kath. Heimstattbewegung für heimatlose Jugendliche der Erzdiözese Köln und des Landes NRW (1947-1952)
Die Wunden der Zeit – Die erste Heimstatt für Mädchen
Die Heimstattarbeit richtete sich von Beginn an nicht ausschließlich an junge Männer. Am 1. Februar 1946 entstand in Bocklemünd am Rande Kölns mit der Mädchenheimstatt Sankt Ursula - das heutige Jugendwohnen St. Ursula in Köln-Porz - das erste Mädchenheim. In einem ehemaligen HJ-Heim fanden zwölf junge Mädchen unter einfachen Bedingungen ein Obdach in der von Zerstörung geprägten Nachkriegszeit.
Die Aufgaben entwickelten sich dabei schnell weiter und passten sich den unterschiedlichen Lebenslagen junger Frauen an. Der pädagogische Anspruch wurde zugleich als Vorbereitung auf ein selbstständiges Leben verstanden.
„Die Aufgaben wuchsen, wurden vielfältig und mussten sich den jeweiligen Gegebenheiten angleichen. Es kam ostdeutsche Jugend, die dem diktatorischen Regime entkommen waren, dann waren es heranwachsende Schlüsselkinder, die in Selbstständigkeit groß geworden, den Kontakt zu den Müttern verloren hatten und im Heim den helfenden notwendigen Abstand brauchten. Es kamen auch Jugendliche aus ländlichen Gegenden, die bildungshungrig die Möglichkeit der Weiterbildung in der Großstadt suchten. Schließlich waren es Ausländerinnen, die in Deutschland arbeiteten ... Aber immer waren es junge Menschen, in den entscheidenden Jahren zwischen Traum und Tag, die ein Rüstzeug brauchten für ihre menschliche Entwicklung, um für spätere Aufgaben bereitet zu werden.“ [Aus der Chronik des Jugendwohnheims St. Ursula, Köln]
Von einzelnen Heimstätten zur katholischen Heimstattbewegung
Im Jahr 1947 kommt es durch das Engagement des damaligen Diözesanjugendseelsorgers, Domvikar Friedrich Eink, zum ersten Zusammenschluss katholischer Heimstätten im Erzbistum Köln als „Diözesan-Arbeitsgemeinschaft Heimstatt“. Bereits ab 1945 propagierte er gemeinsam mit Kaplan Angenendt auf Stadt-, Diözesan- und Landesebene die Idee und Notwendigkeit von Heimstätten für die eltern- und heimatlose Jugend. Sie trugen die Erfahrungen der ersten Initiativen zusammen, formulierten „Grundsätze für katholische Heimstätten“, berieten neue Träger und erwirkten erste kirchliche und öffentliche Mittel.
1949 schlossen sich die Jugendwohnheime katholischer Träger in Nordrhein-Westfalen zur „Katholischen Heimstatt-Bewegung“ zusammen.
Prägend für die weitere Entwicklung war der damalige 27-jährige Leiter Dr. Karl Hugo Breuer, der die Heimstatt-Landesstelle zu einem Dienstleistungsbetrieb für Koordination und Kooperation, Beratung und Vertretung der Jugendwohnheime sowie weiterer Einrichtungen der Heimstatt- und Jugendsozialarbeit ausbaute.
Die Katholische Heimstatt-Bewegung ist zugleich der Ursprung der heutigen Landesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit Nordrhein-Westfalen e. V. (LAG KJS NRW), die diesen Namen seit 1992 trägt. Damit nimmt das Erzbistum Köln eine besondere Rolle bei den Wurzeln der katholischen Jugendsozialarbeit und ihrer Trägerzusammenschlüsse in Nordrhein-Westfalen ein.
Die Heimstatt-Bewegung reagierte auf die Jugendnot der Zeit in Zusammenarbeit mit Jugendhilfe, Jugendverbänden und Jugendpolitik, Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften. Sie baute jugendgemäßes Wohnen auf und vermittelte berufliche Ausbildung sowie existenzsichernde Arbeit.
Die Entwicklung der Trägerzusammenschlüsse auf Landes- und Bundesebene
1949 gründete sich auf Bundesebene die Bundesarbeitsgemeinschaft Jugendaufbauwerk (BAG JAW), in der sich alle Trägergruppen der Jugendsozialarbeit zusammenschlossen. Eine dieser Trägergruppen war und ist die Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS).
Ebenfalls 1949 wurde unter maßgeblicher Mitwirkung des Sozialministeriums NRW die „Arbeitsgemeinschaft Heimstatthilfe im Lande Nordrhein-Westfalen“ gegründet. Ihr gehörten neben der katholischen auch alle anderen Trägergruppen der Jugendsozialarbeit an. In NRW waren zudem eine betriebsgebundene und eine zechennahe Trägergruppe beteiligt. Bis heute besteht der Zusammenschluss unter dem Namen Landesarbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit NRW (LAG JSA NRW). Die LAG KJS NRW bildet hier seit Beginn die katholische Trägergruppe.
