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Wurzeln und Anfänge Katholischer

Jugendsozialarbeit im Erzbistum Köln

Andreas Hildebrand Vorsitzender DiAG Jugendsozialarbeit

„Die Not junger Menschen im gesellschaftlichen Kontext von der Nachkriegszeit bis heute war, ist und bleibt Kern unseres Handelns als katholische Jugendsozialarbeit im Erzbistum Köln.“

Andreas Hildebrand, Vorsitzender der DiAG Jugendsozialarbeit

Jugendnot - Eine geprägte Nachkriegszeit

Überall in den Städten des Erzbistums – im Rheinland wie auch im Ruhrgebiet – ist die Situation vor allem junger Männer prekär, geradezu hoffnungslos: Aus ihrer Heimat im Osten vertrieben oder aus dem Krieg zurückgekehrt, in den viele jung und ohne Schulabschluss oder Berufsausbildung gezogen sind, kommen sie in zerstörte Städte zurück. Das Zuhause von einst steht nicht mehr zur Verfügung, ein neues ist nicht in Sicht. Viele leben auf der Straße, schlagen sich durch, brauchen Hilfe.

Diese Situation bildete den Ausgangspunkt für die ersten Initiativen katholischer Jugendsozialarbeit im Erzbistum Köln.

Die Wunden der Zeit – Die ersten Heimstätten für Jungen

Die jungen Menschen brauchen Unterkunft, Rückendeckung und die Perspektive auf ein eigenes Leben. Die notwendigen Hilfsmaßnahmen mussten zu Beginn vor allem durch Eigeninitiative und Selbsthilfe organisiert werden. Auf Anregung des Kölner Erzbischofs Joseph Frings wurde bereits am 11. Mai 1945 der Aufbau von Hilfen für eltern- und wohnungslose Jugendliche angestoßen.

Nur wenige Wochen später, am 4. Juni 1945 wurde ein erstes Jungenheim im schwer kriegsbeschädigten Kettelerhaus in der Odenkirchener Straße in Köln eröffnet. Bereits ein Jahr später verfügte dieses über 45 Plätze.

In der Folgezeit entstanden weitere Häuser, vielfach aus Trümmersteinen und mit Unterstützung zahlreicher kleiner Spenden. 1947 und 1951 entstanden in Köln Kalk in alten Kasernengebäuden die Heimstatt St. Gereon – heute Jugendwohnen St. Gereon in Köln Kalk -  und die bis heute dortige Heimstatt Nikolaus-Groß-Haus. Auch in Bonn entstand bereits 1948 eine Heimstatt für junge Männer. 

„Die Häuser der Heimstatt tragen alle insgesamt bisher deutlich die Wunden der Zeit an sich. Eine ausgebombte Kaserne war es vielleicht, wo wir begonnen haben, oder ein übriggebliebenes Haus in einem Trümmerfeld oder gar ein Bunker wie in Düsseldorf, der nun friedlichem Werk dienen sollte. Es fehlte alles, was man zum Leben braucht, vom Fensterrahmen bis zum Geschirr. Da war nur der Wille zu helfen, der eben aus nichts einen heimatlichen Raum schaffen musste.“

„Wir bauen weiter auch im Vertrauen auf die Jugend, die diese Häuser bewohnt und die sie baut. Unsere Jugend darf nicht heimatlos in Unordnung untergehen. Sie muss Heimat haben, dann wird sie auch wieder Heimat geben denen, die nach ihr kommen.“

 

Pfr. Friedrich Eink, Diözesanjugendseelsorger (1944-1952) und Leiter der Kath. Heimstattbewegung für heimatlose Jugendliche der Erzdiözese Köln und des Landes NRW (1947-1952)

Die Wunden der Zeit – Die erste Heimstatt für Mädchen

Die Heimstattarbeit richtete sich von Beginn an nicht ausschließlich an junge Männer. Am 1. Februar 1946 entstand in Bocklemünd am Rande Kölns mit der Mädchenheimstatt Sankt Ursula - das heutige Jugendwohnen St. Ursula in Köln-Porz - das erste Mädchenheim. In einem ehemaligen HJ-Heim fanden zwölf junge Mädchen unter einfachen Bedingungen ein Obdach in der von Zerstörung geprägten Nachkriegszeit.

Die Aufgaben entwickelten sich dabei schnell weiter und passten sich den unterschiedlichen Lebenslagen junger Frauen an. Der pädagogische Anspruch wurde zugleich als Vorbereitung auf ein selbstständiges Leben verstanden.

„Die Aufgaben wuchsen, wurden vielfältig und mussten sich den jeweiligen Gegebenheiten angleichen. Es kam ostdeutsche Jugend, die dem diktatorischen Regime entkommen waren, dann waren es heranwachsende Schlüsselkinder, die in Selbstständigkeit groß geworden, den Kontakt zu den Müttern verloren hatten und im Heim den helfenden notwendigen Abstand brauchten. Es kamen auch Jugendliche aus ländlichen Gegenden, die bildungshungrig die Möglichkeit der Weiterbildung in der Großstadt suchten. Schließlich waren es Ausländerinnen, die in Deutschland arbeiteten ... Aber immer waren es junge Menschen, in den entscheidenden Jahren zwischen Traum und Tag, die ein Rüstzeug brauchten für ihre menschliche Entwicklung, um für spätere Aufgaben bereitet zu werden.“  [Aus der Chronik des Jugendwohnheims St. Ursula, Köln]

Von einzelnen Heimstätten zur katholischen Heimstattbewegung

Im Jahr 1947 kommt es durch das Engagement des damaligen Diözesanjugendseelsorgers, Domvikar Friedrich Eink, zum ersten Zusammenschluss katholischer Heimstätten im Erzbistum Köln als „Diözesan-Arbeitsgemeinschaft Heimstatt“. Bereits ab 1945 propagierte er gemeinsam mit Kaplan Angenendt auf Stadt-, Diözesan- und Landesebene  die Idee und Notwendigkeit von Heimstätten für die eltern- und heimatlose Jugend. Sie trugen die Erfahrungen der ersten Initiativen zusammen, formulierten „Grundsätze für katholische Heimstätten“, berieten neue Träger und erwirkten erste kirchliche und öffentliche Mittel.

1949 schlossen sich die Jugendwohnheime katholischer Träger in Nordrhein-Westfalen zur „Katholischen Heimstatt-Bewegung“ zusammen.

Prägend für die weitere Entwicklung war der damalige 27-jährige Leiter Dr. Karl Hugo Breuer, der die Heimstatt-Landesstelle zu einem Dienstleistungsbetrieb für Koordination und Kooperation, Beratung und Vertretung der Jugendwohnheime sowie weiterer Einrichtungen der Heimstatt- und Jugendsozialarbeit ausbaute.

Die Katholische Heimstatt-Bewegung ist zugleich der Ursprung der heutigen Landesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit Nordrhein-Westfalen e. V. (LAG KJS NRW), die diesen Namen seit 1992 trägt. Damit nimmt das Erzbistum Köln eine besondere Rolle bei den Wurzeln der katholischen Jugendsozialarbeit und ihrer Trägerzusammenschlüsse in Nordrhein-Westfalen ein.

Die Heimstatt-Bewegung reagierte auf die Jugendnot der Zeit in Zusammenarbeit mit Jugendhilfe, Jugendverbänden und Jugendpolitik, Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften. Sie baute jugendgemäßes Wohnen auf und vermittelte berufliche Ausbildung sowie existenzsichernde Arbeit.

Die Entwicklung der Trägerzusammenschlüsse auf Landes- und Bundesebene

1949 gründete sich auf Bundesebene die Bundesarbeitsgemeinschaft Jugendaufbauwerk (BAG JAW), in der sich alle Trägergruppen der Jugendsozialarbeit zusammenschlossen. Eine dieser Trägergruppen war und ist die Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS). 

Ebenfalls 1949 wurde unter maßgeblicher Mitwirkung des Sozialministeriums NRW die „Arbeitsgemeinschaft Heimstatthilfe im Lande Nordrhein-Westfalen“ gegründet. Ihr gehörten neben der katholischen auch alle anderen Trägergruppen der Jugendsozialarbeit an. In NRW waren zudem eine betriebsgebundene und eine zechennahe Trägergruppe beteiligt. Bis heute besteht der Zusammenschluss unter dem Namen Landesarbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit NRW (LAG JSA NRW). Die LAG KJS NRW bildet hier seit Beginn die katholische Trägergruppe. 

Neben der Arbeit der Wohnheime wurde die Heimstattarbeit zunehmend durch weitere Angebote ergänzt. Seit den 1950er Jahren wird dieses breiter werdende Handlungsfeld als „Jugendsozialarbeit“ bezeichnet.

Jugendgemeinschaftswerke – von der Nachkriegshilfe zu den Jugendmigrationsdiensten

Bereits 1948 entstanden in Nordrhein-Westfalen Jugendgemeinschaftswerke. Sie dienten zunächst als Auffang-, Beschäftigungs- und Berufsvorbereitungsmaßnahmen für ziellos umherwandernde Jugendliche. In der unmittelbaren Nachkriegszeit waren Jugendgemeinschaftswerke zunächst als Selbsthilfewerke für eltern-, heimat- und berufslose Jugendliche konzipiert. Im Jahr 2004 wurden die Jugendgemeinschaftswerke zu den heutigen Jugendmigrationsdiensten weiterentwickelt.

Schulbezogene Angebote

Auch schulbezogene Angebote der Jugendsozialarbeit haben bei den katholischen Trägern in NRW eine lange Tradition. Bereits seit den 1960er Jahren bereiteten Pflegevorschulen – ein- oder zweijährige Vollzeitlehrgänge mit Unterbringung im Jugendwohnheim – junge Frauen auf hauswirtschaftliche, pflegerische und soziale Berufe vor.

Ab den 1990er Jahren wurde die Zusammenarbeit zwischen Jugendhilfe und Schule verstärkt und durch den 1999 reformierten Landesjugendplan NRW neu geregelt und gefördert. Hinzu kamen später Projekte zur Vermeidung schulischen Scheiterns und die Schulsozialarbeit als eigenständiges Handlungsfeld.

Jugendberufshilfe

Im Laufe der Jahre entwickelte sich auch die Jugendberufshilfe als eigenständiges Feld der Jugendsozialarbeit. Sie unterstützt junge Menschen, die beim Übergang von der Schule in Ausbildung und Beruf besondere Unterstützung benötigen. Jugendberufshilfe ist damit ein rechtskreisübergreifendes Arbeitsfeld, in dem gegenwärtig Jugendhilfe, Jobcenter und Agenturen für Arbeit zusammenwirken. Die sozialpädagogische Begleitung und die individuelle Lebenssituation der jungen Menschen nehmen dabei eine besondere Rolle ein.

Die Entwicklung der Jugendsozialarbeit ging mit einer zunehmenden rechtlichen und institutionellen Absicherung einher.

Finanzielle Unterstützung erhielten die Träger und Einrichtungen der Heimstatt- und Jugendsozialarbeit seit 1951 durch den Landesjugendplan NRW. Dieser sah unter anderem „Zuschüsse und Darlehen zur Errichtung, zum Ausbau, zur Instandsetzung und zur Errichtung von Jugendwohnheimen für die werktätige Jugend“ vor. Im Landesjugendplan wurde darüber hinaus darauf hingewiesen, mit welchen zusätzlichen Mitteln aus dem Bundesjugendplan und aus dem Haushalt der Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung die Jugendsozialarbeit auf Landesebene unterstützt wurde.

Rechtlich wurde die Jugendsozialarbeit jedoch erst 1990 mit der Einführung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG) als eigene Leistung der Jugendhilfe in § 13 SGB VIII verankert. Zuvor fußte die Arbeit der Heimstatt- und Jugendsozialarbeit auf der Regelung des damaligen Jugendwohlfahrtsgesetzes, nach der „Erziehungshilfen während der Berufsvorbereitung, Berufsausbildung und Berufstätigkeit einschließlich der Unterbringung außerhalb des Elternhauses“ bereitzustellen waren (§ 5 Abs. 1 Nr. 7 JWG). Damit verband sich die Jugendpflege und Jugendfürsorge zu einem eigenen Handlungsfeld der Jugendhilfe, das seit den 1950er Jahren als „Jugendsozialarbeit“ bezeichnet wird.